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Ernst's Velotouren

  
 
 
 
 
 
Fahrradtour 2008 - 2013
Erste Etappe Schweiz - Thailand
Teil 8: Kirgistan , September & Oktober 2008
Profil
Bild: Höhen- und Geschwindigkeitsprofil Bischkek - Kaschgar
Von Bischkek habe ich mich auf den Weg nach Osch gemacht und musste dabei als erste Hürde den 3195m hohen Töö-Aschun Pass überwinden (2300m Steigung ab Bischkek). In den engen Tälern des nördlichen Tienschan Gebirges verschwindet die Sonne bereits am frühen Nachmittag und gegen Abend sinken die Temperaturen nahe an den Gefrierpunkt.
Bild: Camping im Aufstieg zum Töö-Aschun Pass. Um der Kälte zu trotzen habe ich zwei Jacken und zwei Hosen an und trinke heissen Tee.
Ein Besucher am nächsten Morgen früh, der selbstgedrehte Zigaretten aus altem Zeitungspapier und einem äusserst billigen Tabak rauchte, hat mich freundlich nach Zigaretten und Wodka gefragt. Da ich ihm beides nicht anbieten konnte, habe ich eine Rolle Kekse aufgemacht und ihm davon offeriert. Zufrieden hat er kurzerhand die ganze Rolle in seinen Hosensack gesteckt und ist mit seinen Ziegen wieder davongezottelt.
Bild: Besucher am frühen Morgen beim Zelt.
Bild: Dem Pass entgegen
Kurz vor der Passhöhe windet sich die Strasse in unzähligen Serpentinen weiter und weiter in die Höhe. Die Luft wird beim Rad fahren ab 2500m spürbar dünner.
Bild: Serpentinen kurz vor der Passhöhe.
Auf der anderen Seite des Passes erwartete mich ein Hochtal (ca. 2500 m.ü.M.), in dem viele Landwirte ihr Vieh sömmerten und entlang der Strasse vergorene Stutenmilch verkauften. In der eiskalten Abenddämmerung kam mit der einfallenden Nacht ein unglaublich klarer Sternenhimmel zum Vorschein. Staunend und bibbernd stand ich da und schaute einziehend, was Wimpern und Netzhaut hergaben.
Bild: Sternenhimmel im Hochtal von Ötmök (Langzeitbelichtung). In der eiskalten Höhenluft war das Wasser in den Trinkflaschen bereits um ca. 22:00 durchgefroren.
Das Hochtal schliesst mit dem 3175m hohen Ala-Bel Pass ab. Als ich das Velo zusammen mit dem Schild ablichten wollte, fragten mich spontan einige Strassenarbeiter und tadschikische Touristen ob sie auch mit auf das Foto dürften. Selbstverständlich erfüllte ich ihnen diesen Wunsch gerne.
In einer rauschenden Abfahrt auf guter Strasse fuhr ich nachher zum 2300m tiefer gelegenen Toktogul-Stausee hinunter und weiter durch die Ferghana Bergkette.
Bild: Spontane Fotosession auf dem Ala-Bel Pass.
Bild: Durch die Ferghana-Bergkette (Teil des Tienschan Gebirges) zum gleichnamigen Tal.
Osch, am Rand des Ferghanatals und zweitgrösste Stadt Kirgistans, soll laut Überlieferung rund 3000 Jahre alt sein und war lange eine bedeutende Station der Seidenstrasse. Die Bevölkerung zählt rund 250T Personen und ist ethisch sehr durchmischt (Usbeken, Kirgisen und Tadschiken). Während der Auflösung der Sowietunion, im Jahr 1990, kam es in der Gegend zu blutigen Ausschreitungen. Das geschichtlich und wirtschaftlich zusammenhängende Ferghanatal ist seither durch internationale Grenzen zerschnitten und Osch somit von seinem Hinterland abgetrennt. Erst der kürzlich erfolgte volle Ausbau der Strasse durch das Tienschan-Gebirge nach Bischkek hat Nord- und Südkirgistan wirtschaftlich wieder zusammengeführt.
Das Wahrzeichen von Osch ist der steil aufragende Suleiman-Berg, ein beliebtes Ausflugsziel und muslimischer Pilgerort. Mohammed Babur Khan (1483 - 1530), zentralasiatischer Fürst und Begründer der indischen Moguldynastie, die bis in das 18. Jahrhundert bestand, soll lange auf diesem Berg gesessen haben und seine Lage überdenkt haben, bevor er mit seiner Armee nach Indien aufbrach, das Sultanat von Delhi eroberte und so zum ersten Grossmogul Indiens wurde.
Mit der Ankunft im Ferghanatal und Osch habe ich das Tienschan-Gebirge hinter mir gelassen und fahre weiter durch das Pamir-Gebirge nach Erkestam, an die chinesische Grenze.
Bild: Aussicht vom Suleimanberg über Osch.
Bild: Die gleiche Aussicht eine halbe Stunde später in der fortgeschrittenen Abenddämmerung.
Von Osch bin ich in die Vorberge des Pamirgebirges gefahren und über den Chyrchyk Pass (2408 m.ü.M.) nach Gülchö gekommen. Auf der Passhöhe hat eine kirgisische Familie das Ende des Ramadan gefeiert und mich spontan zu einem Picknick eingeladen, wobei ich aus lauter Gastfreundschft zwei grosse Gläser Wodka saufen musste (ca. 3 dl). Ziemlich angetrunken bin ich den Pass hinunter nach Gülchö ins Hotel gefahren und habe dort alle Viere von mir gestreckt.
Bild: Aussicht vom Chyrchyk Pass.
Im Hotel von Gülchö habe ich Luca, Nazareno und Flavio aus "bella Italia" getroffen, die mit ihren Fahrrädern auch auf dem Weg nach Kaschgar, China waren - wohin wir dann zusammen gefahren sind.
Bild: Mit Luca, Nazareno und Flavio durch die Täler des herbstlichen Pamir dem Taldik-Pass entgegen.
Bild: Herbststimmung im Pamir
Bild: Kinder Kirgistans (im Pamir). Die Täler sind bis auf ca. 3000m Höhe bewohnt.
Spät am Abend erreichten wir den 3615 m hohen Taldik-Pass. Die schlechte Strasse und die dünne Höhenluft brachten mich an meine physische Grenze. Zum Glück wurden wir an diesem Tag erst nach der Abfahrt, bereits im Alau Tal angekommen, zum Wodka trinken eingeladen...
Bild: Im Aufstieg zum Taldik-Pass.
Angekommen im Alau Tal (an der Grenze zu Tadschikistan, das Tal selber liegt auf über 3000 Meter Höhe) eröffnete sich eine wunderbare Aussicht auf den hohen Pamir. Über all den mit Gletschern verhangenen Gipfeln thront der 7134m hohe "Pik Lenin".
Bild: Chinesiches Strassenbaucamp im kirgisischen Alau Tal. Im Hintergrund ist die Alau Bergkette mit dem "Pik Lenin" zu sehen. Die Bergkette bildet gleichzeitig die Grenze zu Tadschikistan.
Bild: Auf hundslausiger Strasse nach Erkestam, der chinesischen Grenze entgegen.
Angekommen an der Grenze mussten wir ernüchtert feststellen, dass sämtlicher Grenzverkehr auf Grund eines Feiertags (Ende des Ramadan) für 4 Tage eingestellt war. Das Grenzdorf, ein gottverlassener Wagenpark, sah auf den ersten Blick nicht gerade sehr einladend aus.
Bild: Der kirgisische Grenzposten Erkestam.
Als wir da ziemlich ratlos an der Grenze standen und sich herausstellte, dass das einzige Gästehaus im Ort ein verdrecktes Rattenloch ist wie nie zuvor gesehen, hat uns Rosa (im Bild) für ein kleines Entgelt Asyl in ihrem Wohnwagen angeboten (Vollpension für 4€ pro Tag und Person).
Bild: "Hotel Rosa"
Nazareno hatte schon auf dem Weg nach Erkestam leichte Temperatur. Zu unsrem Erschrecken entwickelte er bis Abends über 40° Fieber, Bauchweh und Durchfall! Und das in dieser gottverlassenen Gegend! Nachdem unsere Versuche mit Aspirin und Antibiotoka nicht wie gewünscht fruchteten, und wir gar eine Blinddarmentzündung befürchteten, rief unsere Gastgeberin Rosa die örtliche Krankenschwester. Diese diagnostizierte eine zünftige Gastritis und verpasste dem Patienten Nazareno eine Kur an Medikamenten, die ohne weiteres für ein stattliches Ross ausgereicht hätte. Zu unserer Beruhigung war Nazareno am nächsten Tag wieder einigermassen auf den Beinen.
Bild: Nazareno in ärztlicher Behandlung.
Bild: In der Küche des "Hotel Rosa", wo gerade ein leckeres "Lagman" in der Pfanne bruzzelt.
Erdbeben im Pamir: In der Nacht vom 05.10.2008 bebte die Erde im Pamir mit geschätzten 6 bis 6,9 auf der Richterskala. Und wir, ich und meine italienischen Radlerfreunde, waren mitten im Epizentum. Erkestam selber, wo wir wohnten, wurde grösstenteils verschont, da die Wohnwagen den Erschütterungen problemlos standhielten. Nura aber, ein Nachbardorf nur 3km entfernt, wurde bis auf 3 Gebäude komplett zerstört. Im Boden sind grosse Spalten aufgerissen, die Leute rannten in Panik aus ihren einstürzenden Häusern, Rettungskräfte vor Ort bestätigten über 100 Tote in Nura allein. Wo früher ein ansehliches Dorf stand, ist heute nur noch ein Trümmerfeld. Die Nachbeben waren noch bis 48 Stunden nach den ersten, verheerenden Erdstössen zu spüren.
Es war sehr traurig und schockierend, das Dorf Nura in diesem verwüsteten Zustand zu sehen und die Trauer, den Schmerz und die Verzweiflung der betroffenen Menschen aus nächster Nähe mitzuerleben, die auf solch tragische Weise ihre Liebsten verloren und kurz vor dem Winter nichts mehr als das retten konnten, was sie auf dem Leib trugen. Ich werde diese Bilder wohl nie mehr vergessen können. Mögen diese Menschen eines Tages wieder glücklich sein!
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