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Ernst's Velotouren

  
 
 
 
 
 
Fahrradtour 2008 - 2013
Erste Etappe Schweiz - Thailand
Umweltkatastrophe Aral
Bild: Ein gestrandetes Schiff im trockenen Hafenbecken von Aral.

Das Jahrhundertprojekt "Baumwolle"

Die Tragödie des Aralsees ist kein Unfall. In Moskau suchte man während der Stalin-Ära nach Möglichkeiten, unabhängig von importierter Baumwolle zu werden und sah schließlich in Zentralasien die Lösung, wo riesige Flächen Landes brach lagen. Die erste Bedingung für eine erfolgreiche Baumwollanpflanzung, viel Sonnenschein, war gegeben. Die zweite, große Wasservorräte, erfüllten die Steppen und Wüsten Mittelasiens zwar nicht, aber Sowjetingenieure wußten aber eine Lösung. Die beiden größten Flüsse Zentralasiens, der Amu Darja und der Syr Darja, führten genug Wasser, um die wahnwitzigen Pläne der wachstums- und zahlengläubigen Kremlherren zu verwirklichen. Da beide Ströme auch den abflusslosen Aralsee speisten, war klar, daß eine exzessive Wasserentnahme das ökologische Gleichgewicht des Sees zerstören würde. Doch die Unabhängigkeit von fremder, womöglich noch amerikanischer Baumwolle, hatte Vorrang. Der längste Bewässerungskanal der Welt, der Wasser über 1.100 km bis zu den neugeschaffenen Baumwollanbaugebieten in die turkmenische Wüste brachte, krönte das prestigeträchtige Jahrhundertprojekt. Zwischen 1965 und 1988 verdreifachte sich die Fläche bewässerten und bebauten Landes in Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan. Anfang der neunziger Jahre waren die zentralasiatischen Republiken der Sowjetunion das drittgrößte Baumwollanbaugebiet der Welt. Erfolg auf ganzer Linie.

Der Aralsee stirbt seither einen Tod auf Raten. Infolge der Wasserentnahme aus den beiden großen Zuflüssen sank die Wasserzufuhr von 55 km³ in den sechziger Jahren auf weniger als 4 km³ 1990. Die ehemaligen Fischerdörfer liegen schon seit Jahren über 100km entfernt der Wasserlinie. Die Landschaft verwüstet und das Verschwinden von fast 40 km² See blieb nicht ohne Auswirkungen. Höhere Durchschnittstemperaturen, weniger Regentage, geringere Luftfeuchtigkeit, ein sinkender Grundwasserspiegel und ein steigender Salzgehalt in Wasser und Boden sind die Folgen. Das Wasser der Aralseen hat sich inzwischen so sehr mit Salz angereichert, daß viele Fischarten ausstarben, in einigen Teilen der Seen sogar Salzwasserarten. Von dem nun freiliegenden Seeboden wehen jedes Jahr mehrere Millionen Tonnen Pestizide, Herbizide, künstliche Düngemittel und Salze über die Steppen und Felder der Region, setzen sich fest im Gemüse, in Früchten und Obst, gelangen ins Grundwasser, werden von den Menschen über Luft und Nahrung aufgenommen. Folge sind Fälle von Tuberkulose, Hepatitis, Verdauungsstörungen, Kehlkopfkrebs und anderen Krankheiten, deren Häufigkeit weit über dem landesweiten Durchschnitt liegt. Zwei Drittel der weiblichen Bevölkerung und fast die Hälfte der Kinder der Region leiden nach Informationen der kasachischen Gesundheitsbehörden an Anämie. Ein Drittel aller Schwangerschaften endet mit Totgeburten. Von den lebend zur Welt kommenden Kindern sind die meisten Frühgeburten. Man schätzt, dass ungefähr 25 % der Bevölkerung in den Baumwollanbaugebieten durch den extensiven Einsatz von erbgutschädigenden Umweltgiften (z.B. Dioxin in "Agent Orange") geistig retardiert ist. Erfolg auf ganzer Linie.

Da der Aralsee in einer großen Luftschneise von West nach Süd liegt, verteilt der Luftstrom Staub und Umweltgifte bis in die höheren Schichten der Stratosphäre, was ca. 5 % der globalen Luftverschmutzung ausmacht. Die Pestizide aus der Aralregion können sogar im Blut von Pinguinen der Antarktis nachgewiesen werden.

Die seit ca. 1960 zunehmende Austrocknung des Sees stellt weltweit eine der größten, vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen dar. Es wird davon ausgegangen, dass die gesundheitlichen Folgen der Austrocknung des Aralsees von ähnlichen Ausmaßen wie die Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl sind. Jedoch ist die Aufmerksamkeit für den Aralsee in der gesamten Welt sehr gering.

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