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Ernst's Velotouren

  
 
 
 
 
 
Fahrradtour 2008 - 2013
Erste Etappe Schweiz - Thailand
Teil 4: Russland
, Juni 2008

Schlechte News: Die Neuigkeiten, die mich in den letzten Tagen aus den Internetforen der Rad-Fernfahrer erreichten, lassen für den weiteren Verlauf der geplanten Tour nichts Gutes erahnen. China soll angeblich im Vorfeld der Olympiade seine Visapolitik dahin geändert haben, dass Visa zurzeit nur noch auf Vorweisen eines Rückflugtickets und einer entsprechenden Hotelbuchung ausgestellt werden. Ich wollte das Visa für China eigentlich in Almaty, Kasachstan organisieren. Hätte ich es noch in der Schweiz ausstellen lassen, wäre es bei der Ankunft an der chinesischen Grenze bereits verfallen gewesen.

Doch das ist noch nicht alles: Die nach den Unruhen auf Mai geplante Öffnung von Tibet für den Tourismus wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Man munkelt in den Internetforen der Rad-Fernfahrerkreise, dass Touristen erst wieder nach den Paraolympics im Oktober in das Hochland reisen dürfen.

Also muss ein Plan B her (mit der Ausarbeitung von Plan C darf ich hoffentlich noch etwas warten).

Auf alle Fälle fahre ich nun bis Almaty und sehe dort weiter. Es gibt zurzeit verschiedene Alternativen:
1) Das chinesische Visa in der Schweiz besorgen (teuer und aufwändig!)
2) Warten auf die Zeit nach der Olympiade in der Hoffnung, dass die Chinesische KP die Visabestimmungen wieder lockert (womit zu rechnen ist, wobei es dann für Tibet wohl zu spät im Jahr ist).
3) Eine ganz andere Route fahren (z.B. durch Russland in die Mongolei und ca. im September mit der gleichen Hoffnung das chinesiche Visa in der mongolischen Hauptstadt Ulaan Bator beantragen).
4) Wohl oder übel China überfliegen (was sehr schade wäre und wohl die schlechteste Alternative darstellt).

Bild: Die ersten Eindrücke von Russland (an der Küste des Asowschen Meeres). Die Strassen sind einiges besser als in der Ukraine und auch der Verkehr verläuft etwas geordneter.
Der Weg führte mich vom Asowschen Meer nach Krasnodar, einer Grossstadt, die ich besser nicht angesteuert hätte, denn das Gewusel auf den Strassen, der rücksichtslose und laute Verkehr und die innerorts schlechten Strassen sind wohl die Hölle für jeden Radfahrer. Eigentlich wollte ich in Krasnodar das Visum registrieren lassen (jeder Nicht-GUS-Bürger hat dies nach seiner Ankunft in Russland innerhalb von drei Tagen zu tun), leider aber war die entsprechende Amststelle wegen des Nationalfeiertags 4 Tage geschlossen - also fuhr ich unverrichteter Dinge weiter nach Elista zu den Kalmücken um das Visum dort registrieren zu lassen.
Bild: Die Landschaft in den Oblasten (Verwaltungsgebiete) Krasnodar und Stavropol ist geprägt von unendlich weiten Weizenfeldern, die alle paar Kilometer von einer Baumreihe unterbrochen sind um die Felder vom Wind zu schützen. Die Baumreihen bieten auch immer gute und diskrete Plätze zum Campieren.
Bild: Noch 241 km nach Elista.
Bild: An einem dieser Schlafplätze wuchs just neben dem Zelt ein kräftige Hanfstaude ("Cannabis Sativa" für den geneigten Botaniker) und betörte mich beim Einschlafen mit ihren Gerüchen und Dämpfen. Morgens um sechs, als ich erwachte, war mein Bewusstsein ganz erweitert (man beachte den geläuterten Blick). Die Wirkung indes hielt nicht lange an, denn schon bald danach war das Bewusstsein wieder so unzulänglich wie eh und je. Allerdings kann ich seither, ein linguistischer Geistesblitz durch die Bewustseinserweiterung, in den Restaurants neben Borschtsch nun auch Kartoffelgerichte bestellen - was in meinem in Russland eher beklagenswerten kulinarischen Dasein die definitive Kehrtwende zum Besseren darstellt.
Über den Fluss Manytsch fuhr ich in die russische autonome Republik Kalmückien und somit in eine völlig andere Welt. Innerhalb weniger Kilometer wurde die Landschaft zu einer baumlosen Steppe und die wenigen Dörfer sind nicht mehr von Russen bewohnt, sondern von Kalmücken, einem westmongolischen Volk, das im frühen 17. Jahrhundert aus seiner Heimat in Xinjiang (Westchina) auszog und sich ab 1632 in den Steppen links und rechts der unteren Wolga niederliess.
Bild: Der Fluss Manytsch, so breit wie ein grosser See. Der Fluss wid oft als die östliche Grenze Europas angesehen. Tatsächlich gibt es aber besonders zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer in Ermangelung einer klaren marinen Grenze keine verbindliche Definition über den Grenzverlauf Europas. In Frage kommen der Fluss Manytsch (somit wäre ich bereits in Asien), das Kaukasus-Gebirge (dito) oder der Fluss Ural (womit ich erst in ein paar hundert km in Asien wäre). Da soll noch einer wissen, wo er ist! Wahrscheinlich am besten in Eurasien.
Bild: Als Willkommensgruss empfing mich in Kalmückien eine blitzende und grollende Gewitterfront. Vom Unwetter selber wurde ich zum Glück grösstenteils verschont.
Bild: Nur noch ein paar spärliche Büsche entlang der Strasse bieten Schutz vor neugierigen Blicken. Im hohen Gras tummelt sich allerlei Getier, auch bunte Schlangen haben mich schon für einen Moment lang neugierig besucht.
Kalmückien ist mit nur 3,7 Einwohnern pro Quadratkilometer eines der am dünnsten besiedelten Gebiete der Welt. Zwischen den einzelnen Dörfern liegen inzwischen Distanzen von ca. 50km und der Verkehr wird weniger und weniger. Mit der Grosslandschaft Kalmückien und der Vorfreude auf die kommende Kasachische Steppe erhält die ganze Velotour eine neue Dimension und kommt mit jedem Tag ein bisschen näher an die Grenzen Europas.
Bild: Kurz vor Elista ist die Landschaft endgültig zur kahlen Steppe geworden.
Die Kalmücken sind trotz der Distanz zu ihrem Stammland und der brutalen Unterdrückung durch Stalin im Zweiten Weltkrieg ihrer Tradition und Kultur treu geblieben. Der Diktator liess 1943 das ganze Volk unter dem Vorwurf der Kollaboration mit den deutschen Besatzern nach Sibirien zwangsumsiedeln und aus der Liste der Völker der Sowjetunion streichen. Rund 30% der Deportierten kamen dabei ums Leben. Unter Chruschtschow durften um 1958 die Übelebenden dieses Genozids wieder nach Kalmückien zurückkehren.

Die Kalmücken sind das einzige Volk Europas, das mehrheitlich buddhistisch ist. Sie sind, wie andere mongolische Völker auch, Anhänger des Tibetischen Buddhismus und verehren den Dalai Lama als ihr geistiges Oberhaupt.
Bild: Buddha-Statue im Stadtpark von Elista.
Bild: Ein Blick über Elista in der Abenddämmerung (mit aufgehendem Mond).
Mit Erstaunen habe ich festgestellt, wie lebendig der Buddhismus in Kalmückien ist. Zufällig stolperte ich genau zur grössten Buddhistischen Feier (Vesakh) in den "Goldenen Tempel" von Elista. Unzählige Leute waren erschienen, spendeten dem Kloster Geld und Nahrungsmittel und verehrten demütig den Prinz Sidhartha Gotama, besser bekannt unter dem Namen "Buddha" (wörtlich: "der Erwachte"). Die Buddha-Statue ist rund 9m hoch und die grösste ihrer Art in Europa.
Bild: Haupthalle des "Goldenen Tempels" während der Vesakh-Feier. Vesakh ist der bekannteste buddhistische Feiertag und wird zum Gedenken an Buddhas Geburt, Erwachen und vollkommenen Erlöschens abgehalten.
Bild: Der "Goldene Tempel" von Elista. "Om mani padme hum".
Von Elista fuhr ich weiter durch die einsame und weite Steppe in Richtung Astrakhan. In dieser Landschaft erfährt man schon Glück und Zufriedenheit, wenn man genug Wasser und Brot dabei hat. Wer kann eine solch einfache und erfüllende Genügsamkeit in einem häuslichen Dasein schon geniessen?
Bild: Hunderte von Kilometern durchzieht die einsame Strasse weitläufige Steppe.
Sergei, ein tschetschnischer Viehzüchter, kam mit seiner Kuhherde um halb sieben Uhr morgens zu meinem Zelt zu einem freundlichen Schwatz über interkontinelntales Rad fahren, schweizer Berge, kasachische Steppe und Krieg in Tschetschenien. Er wollte unbedingt noch auf ein Foto mit dem Fahrrad, seinen Kühen und dem Zelt im Hintergrund. Natürlich erfüllte ich ihm diesen Wunsche gerne.
Bild: Sergei mit seinen Kühen, dem Fahrrad und dem Zelt im Hintergrund.
Mit der Ankunft in Astrakhan ist der Weg durch Russland schon fast abgeschlossen. Es fehlen noch etwa 50km bis an die kasachische Grenze und rund 300km an die Grenze Europas. Asien ist zum Greifen nah.
Bild: Blick auf die Wolga und die Stadt Astrakhan.
Bild: Sonnenuntergang an der Wolga in Astrakhan
Bild: Typische russisches "Heimetli" in den Aussenbezirken von Astrakhan.
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